Bairisch für Anfänger 4

Der ganz normale Alltagswahnsinn

Isabelle kam aus der Großstadt und blieb im Bayerischen Wald.
Trotz anfänglicher Verständigungsschwierigkeiten kommt die
gebürtige Fränkin mit den niederbayerischen Gepflogenheiten
inzwischen gut zurecht – meistens.

Wie vielleicht einige von euch wissen, die dieser Kolumne regelmäßig folgen, hatte ich zu Beginn meiner Zeit im Landkreis Freyung-Grafenau recht große Verständigungsschwierigkeiten.

Vielleicht wissen mittlerweile auch ein paar Menschen, dass ich – obwohl ich in Nürnberg geboren und in Neumarkt aufgewachsen bin – nie einen Dialekt sprechen konnte.

Wie meine Mutter immer zu sagen pflegte:

„Kind, du bist mit mannigfaltigen Talenten ausgestattet, aber das mit dem Dialekt wird wohl nichts mehr.“

Ist nicht so schlimm, dachte ich mir. Schließlich kommt man mit Hochdeutsch im deutschsprachigen Raum überall weiter. Ich wurde eines Besseren belehrt.

Die meisten Menschen aus der Region verstehen mich wunderbar. Zumindest alle zwischen zwei und ungefähr achzig Jahren. Darüber hinaus wird es schwieriger – und das liegt (mal wieder) an mir.

Ich bin ein kommunikativer Mensch. Ich unterhalte mich gerne und lerne neue Leute kennen. Das erste Mal, dass mich vielleicht nicht jeder verstehen könnte, fiel mir an einem sonnigen Frühlingstag nach der Arbeit in einem Café auf. Ich schlürfte gerade einen köstlichen Chai Latte und beobachtete Menschen im Vorübergehen bei ihren alltäglichen Besorgungen.

Dennoch bemerkte ich die ältere Dame nicht, die sich vorsichtig auf einen Platz in meiner unmittelbaren Nähe niederließ.

Als ich hörte, wie sie bei der Bedienung um ein Haferl Kaffee bat, drehte ich meinen Kopf in ihre Richtung und lächelte sie an. Ich glaube, jeder kennt Situationen, in denen man Menschen trifft und sofort weiß, dass man gerne mit ihnen befreundet wäre. So ging es mir an diesem Tag in dem Café.

Die Frau war gut gekleidet und immer noch attraktiv, obwohl man ihr das Alter ansah. Ihre Augen waren wach und freundlich. Man sah ihr einfach an, dass sie im Laufe ihres Lebens viel erlebt hatte.

Scheinbar ging es ihr wie mir, auf jeden Fall sprach sie mich mit dem breiten Dialekt an, den vor allem ältere Leute perfektioniert haben. Wir plauderten über das Wetter und wie schön ein Tag im Café ist. Schnell musste ich aber feststellen, dass unsere Konversation mehrmals ins Stocken geriet. Immer häufiger sah sie mich verständnislos an und war um eine Antwort bemüht.

Plötzlich platzte es aus ihr heraus:

„Wissens, i dat scho no guad hearn, aba i versteh ährna einfach ned.“

Da fiel es mir wie Schuppen von den Augen. Die Dame hatte die Bedienung ohne Probleme verstanden und ich schrie die arme Frau seit einer viertel Stunde an.

Ich musste mit ihr bayerisch sprechen. Mir lief es heiß und kalt den Rücken hinunter und meine Wangen glühten. Ich sollte bayerisch reden! Stammelnd versuchte ich mich an meinem ersten bayerischen Satz. Die Laute fühlten sich für mich falsch an und die Aussprache klang – man muss es einfach sagen – grauenhaft. Aber ich bekam eine Antwort.

Es hatte geklappt. Ich ignorierte die Menschen im Café, die mich, völlig zurecht, belustigt beobachteten, und plauderte weiter auf die arme Frau ein.

Das ein oder andere Mal redete ich zwar so derbes Kauderwelsch, dass sogar meine Gesprächspartnerin wieder stutzte, aber im Großen und Ganzen war ich recht stolz auf mich. Da schauste, Mama!

Doch irgendwann, ich weiß nicht wie, war etwas anders. Die Frau sah mich entgeistert an, während ich ihr meine Herkunft und meinen fehlenden Dialekt erklären wollte. Und dann bemerkte ich meinen Faux-Pas. Ich hatte mitten im Satz die Sprache gewechselt und faselte auf Englisch weiter.

Wie peinlich. Hinter mir kicherte jemand und ich wollte am liebsten im Erdboden versinken. Dennoch: Der Nachmittag war sehr lehrreich und seit ich mich in der Gegenwart von älteren Menschen ein bisschen um die bayerische Aussprache bemühe, werde ich tatsächlich besser verstanden. Nur noch manchmal rutscht mir versehentlich ein englischer Begriff heraus. Sorry, my bayerisch is under all pig.

Bairisch für Anfänger, Heimat, Kommentar

Veröffentlicht: 29. November 2018