Ehrenämter

Sozialer Landkreis
Freyung-Grafenau

Hunderte von Menschen engagieren sich in der Region ehrenamtlich – Tag für Tag und Jahr für Jahr. Sie schätzen das Leben, das sie führen können. Für sie geht es darum, etwas zurückzugeben. Die folgenden Geschichten zeigen einige Stationen im Landkreis, in denen Nächstenliebe eine große Rolle spielt.

DIE Wolfsteiner Werkstätten

 

14 verschiedene Berufsbereiche unter einem Dach – bei den Wolfsteiner Werkstätten gibt es die vielfältigsten Angebote für Menschen mit Behinderungen.

In den Wolfsteiner Werkstätten arbeiten rund 600 Menschen mit und ohne Behinderung. Im Juni 2018 fand die offizielle Eröffnung des neu gebauten Gebäudkomplexes statt, bei der über 6000 Interessierte erschienen und sich selbst ein Bild des modernen Sozialunternehmens machten.

„Unser Betrieb ist historisch gewachsen“, erklärt Andreas Manthey, Produktionsleiter der Werkstätten. „Wir haben klein angefangen, haben erst Selbstgemachtes verkauft. Dann kamen Aufträge, wobei unsere Kunden schnell merkten, dass wir termintreu, verlässlich und flexibel sind.“

Von einer kleinen Werkstatt zu einem Sozialunternehmen

Viele regionale und international agierende Unternehmen wie beispielsweise BMW wandten sich an die Wolfsteiner Werkstätten – zuerst aus sozialen Aspekten. Doch die hochwertige Arbeit der Mitarbeiter überzeugte, wie Einrichtungsleiter Helmut Weber weiß:

„Wir werden von unseren Partnern zwar als eine Einrichtung für behinderte Menschen wahrgenommen, aber entscheidend ist, dass Firmen mit den Wolfsteiner Werkstätten einen verlässlichen Partner haben. Das sieht man vor allem daran, dass alle größeren Unternehmen aus der Region bei uns fertigen lassen.“

„Wir sind Mensch“

Wenn man durch die verschiedenen Fertigungsbereiche der Wolfsteiner Werkstätten geht, merkt man, dass der Mensch im Vordergrund steht.

Der Auftrag des Unternehmens ist klar: Menschen mit Behinderung die Möglichkeiten zu geben, die sie in der freien Wirtschaft womöglich nicht hätten.

Menschen mit Behinderung haben bei den Wolfsteiner Werkstätten das Wunsch- und Wahlrecht. Das bedeutet, dass sie je nach Qualifikation in den verschiedenen Fertigungsbereichen arbeiten können – oder auch einmal wechseln, wenn sie etwas Neues ausprobieren möchten. Aus diesem Grund gibt es innerhalb der 14 Bereiche verschiedenste Arbeitsplätze – wie beispielsweise eine Näherei oder eine Holzabteilung.

„Wir nehmen die Menschen bei uns auf und unterstützen sie bei der Entdeckung ihrer Talente und welche Arbeitsbereiche sie interessieren“, meint Oswald Peterlik, Leiter des Sozialdienstes.
Dabei werden Aspekte wie Kollegialität, ein harmonisches Miteinander und der Umgang mit Familienangehörigen in den Alltag einbezogen. „Wir nehmen unser Qualitätsmanagement sehr ernst“, bestätigt Oswald Peterlik.

In Zukunft soll auch die Arbeit mit Ehrenamtlichen ausgebaut werden. „Wenn jemand beispielsweise Fußballtrainer ist und sein Wissen weitergeben möchte, können wir uns ehrenamtliche Programme in diese Richtung vorstellen“, meint Helmut Weber. „Wir entwickeln uns stetig weiter. Zusammen mit unserer pädagogischen Expertise könnten so neue Programme für Menschen mit Behinderungen entstehen.“


Wolfsteiner Werkstätten
Zuppingerstraße 31
94078 Freyung
Tel.: 08551 96030
info@wolfsteiner-werkstaetten.de
www.wolfsteiner-werkstaetten.de

Kommunikation ist alles

2015 – die sogenannte Flüchtlingskrise in Europa beginnt. Millionen von Menschen versuchen, Elend und Tod zu entkommen, laufen tausende von Kilometern zu Fuß nach Europa.

Erschöpft und gebrochen von den Schrecken, die sie zu Hause und unterwegs gesehen haben, werden sie in Deutschland aufgenommen. Die schiere Masse an Menschen macht eine Organisation für die Behörden zunächst schwierig, scheinbar unmöglich.

Neue Anlaufstellen wurden geschaffen – so wie das Sprachpatenprojekt, ein vom Landkreis Freyung-Grafenau eigens aufgestelltes Programm, das Anfang 2016 ins Leben gerufen wurde.

Flüchtlingsarbeit
im Landkreis

Christian Fiebig übernahm die Leitung der Stelle Ehrenamt Asyl und Integration im Landratsamt. „Ich habe mich sehr über die Chance gefreut, wieder in die Nähe meiner alten Heimat zurückzukommen“, meint der Rückkehrer dazu. Schon zuvor arbeitete der studierte Politologe bei der VHS der Stadt Essen mit Flüchtlingen zusammen.

„Meine Hauptaufgaben bestehen darin, Netzwerke in der Flüchtlingsarbeit aufzubauen, Kontakte zwischen verschiedenen Akteuren zu intensivieren, Sprachpaten zu betreuen sowie Schulungen und Treffen zu organisieren.“

Solche Sprachpaten unterstützen Kinder mit Migrationshintergrund ehrenamtlich. Der Landkreis stand vor großen Herausforderungen, die die Flüchtlingskrise mit sich brachte. „Kinder, die noch nie Kontakt zur deutschen Sprache hatten, kann man nicht einfach beschulen. Hier mussten neue Wege gefunden werden“, so Christian Fiebig.

Sprachpaten –
Hilfslehrer und Seelsorger

Herbert und Inge Muckenschnabl wohnen in Schönanger und sind Sprachpaten für Kinder mit Migrationshintergrund. „Als die ersten vielen Flüchtlinge kamen, sahen wir einen Aufruf in der Zeitung“, erinnert sich Inge. Das war 2016 – bei der darauffolgenden Infoveranstaltung in Perlesreut waren über 30 Interessierte.

Sie wurden mit Hintergrundinformationen zur Flüchtlingskrise und Schulmaterialien ausgestattet. Kurz darauf begann der Unterricht für das Ehepaar an der Grundschule in Neuschönau.
„Der Umgang mit traumatisierten Kindern ist anders als der mit Kindern, die in unserer behüteten Umgebung aufgewachsen sind“, weiß Herbert, der selbst Kunstlehrer an der Realschule in Grafenau war.

Herzenssache

Herbert Muckenschnabl unterrichtete unter anderem einen syrischen Jungen. „Er war unendlich mitteilsam – und hochintelligent. Sein Deutsch war schon recht gut, aber er war verhaltensauffällig und verlor in der Schule schnell den Faden.“ Herbert schaffte es, das Vertrauen des Jungen für sich zu gewinnen.

Der Junge flüchtete mit seiner schwangeren Mutter und dem Vater über die Insel Samos. „5 000 Kilometer zu Fuß und immer reisten sie nachts. Da die Mutter schwanger war, konnte sie nichts tragen. Also schleppte er sehr viel Gepäck. Ganz schön viel Verantwortung für einen Zehnjährigen“, meint Herbert Muckenschnabl gerührt. So berichtete der Junge auch, dass er einen Rekord im Schlafen hielt: Ganze zwei Tage sei er nicht aufgewacht.
„Es ging mir sehr nahe. Wir Sprachpaten geben den Kindern unsere Zeit und ein Ohr zum Zuhören. Manchmal passiert eine Stunde lang gar nichts und wir reden einfach – wir müssen ja keinen Lehrplan erfüllen“, ergänzt Herbert.

Ein Besuch im Flüchtlingsheim

Der Junge bat Herbert häufig, ihn zu besuchen. „Man soll die Kinder nicht allzu nah an sich heran lassen und eine gesunde Distanz bewahren“, meint Inge dazu. „Aber irgendwann sind wir doch auf die Einladung eingegangen.“

Für das Ehepaar war der Besuch ein Schock. In der ehemaligen Kaserne in Grafenau lebte die vielköpfige Familie auf engstem Raum. Stockbetten, ein Waschbecken, einen Fernseher, ein Kleiderschrank – alles auf etwa 15 Quadratmetern für eine ganze Familie. „Schön ist es nicht, aber im Vergleich zu Flüchtlingslagern in anderen Ländern sehr komfortabel“, weiß Inge. Lösungen für viele Menschen zu finden, sei nicht einfach, wie beiden bewusst ist. „Aber ich verstehe nicht, wie Menschen sagen können, Flüchtlingen würde alles geschenkt werden. Es stimmt einfach nicht.“

Auch Christian Fiebig weiß um die teilweise vorhandenen Bedenken der Bevölkerung. „Zu uns sind Menschen mit den unterschiedlichsten Facetten geflüchtet und keiner davon sollte in ein Schema gepresst werden. Viele würden positiv überrascht sein, da sich die meisten Vorurteile nicht bestätigen.“


Es wird nicht allen Geflüchteten möglich sein, in ihre alte Heimat zurückzukehren. Ich hoffe für sie, dass sie sich in Deutschland schnell heimisch fühlen und sich hier eine neue Existenz aufbauen können.

– Christian Fiebig, Ehrenamtliche Projekte Asyl

li.: Herbert und Inge Muckenschnabl sind Sprachpaten. Im Landkreis Freyung-Grafenau gibt es über 30 Menschen, die Flüchtlingskindern Deutschunterricht geben.

Tischlein deck dich

Die Grafenauer Tafel entstand 2007 als ein Projekt des AWO Ortsvereins (Arbeiterwohlfahrt). Heute arbeiten dort etwa 20 ehrenamtliche Mitglieder, die sich um die Beschaffung, Lagerung und Ausgabe von Lebensmitteln kümmern – und vielen Menschen damit das Leben einfacher machen.

Matthias Haslinger, geboren 1936 in Aicha vorm Wald, lebt in Grafenau. Mit über 80 Jahren entschloss er sich, die Ärmel für einen guten Zweck hochzukrempeln.

Herr Haslinger, warum kamen Sie zur Tafel Grafenau?
Ich habe die Jahre vor, während und nach dem Krieg mitbekommen. Als Kinder mussten wir abends oft hungrig ins Bett gehen. Das war einer der Gründe, warum ich hier angefangen habe. Ich möchte, dass kein Kind Hunger leiden muss.

Sind Sie dadurch zur Tafel gekommen, weil sich Ihre Frau schon über 10 Jahre in diesem Ehrenamt engagiert?
Eigentlich nicht. Ich bin erst vor drei Jahren in den Ruhestand gegangen. Dann hörte ich, dass die Tafel einen neuen ehrenamtlichen Leiter sucht – so kam auch Frau Scheueregger dazu. Gemeinsam mit meiner Frau leiten wir nun die Abläufe und Organisation der Tafel. Wir haben beispielsweise die Räumlichkeiten renoviert, gestrichen, das Holz bearbeitet, die Theken neu gemacht und die Kühlanlage installiert.

Wie konnten Sie diese teuren Umbaumaßnahmen finanzieren?
Wir sind auf Spenden von Privatleuten, Vereinen und Betrieben angewiesen. Das Buddistische Schulungszentrum Solla ist eine riesige Stütze für die Tafel und spendet große Mengen an haltbaren Lebensmitteln. Auch bekommen wir immer wieder Nahrungsmittelspenden von Discountern. Sonst wäre unsere Arbeit nicht machbar. Früher haben wir vielleicht 30 Menschen versorgt, heute sind es über 100. Wir sind für diese Unterstützung sehr dankbar.

Wen versorgen Sie bei der Tafel?
Wir versorgen alle, die unsere Hilfe benötigen. Es kommen Ältere und Jüngere, alleinerziehende Mütter, junge Familien und psychisch kranke Menschen. Die Tafel kümmert sich um jeden. Mit dem neuen Asylheim in Grafenau sind noch mehr Menschen auf unsere Arbeit angewiesen: Wir wissen, wie viel Geld sie bekommen und es ist wahrlich nicht viel. Wir möchten jeden, der finanziell nicht so gut gestellt ist, bei uns aufnehmen. Denn eines ist sicher: Bei uns geht keiner mit leeren Taschen nach Hause.

Spenden werden an den Abholtagen Montag, Mittwoch und Freitag vor 12 Uhr immer gerne entgegen genommen. Eines weiß Matthias Haslinger: „Dann sind unsere Lager gut befüllt und so können wir unsere Kunden auch in schlechteren Zeiten versorgen.“

Ein typischer Abholtag

Elisabeth Scheueregger erklärt, wie die Essensausgabe eines typischen Abholtages abläuft: „Es werden immer drei Leute gleichzeitig eingelassen. Wir haben eine Liste von Personen, die bei uns registriert sind. Pro Erwachsenen sind 1,50 € zu entrichten, für Kinder berechnen wir nichts. Unsere Abholer bekommen einen Korb und dürfen anschließend bei uns an der Wurst- und Käsetheke, beim Gemüse- und Obststand und in der Bäckerei nach Familiengröße einkaufen. Es ist schön zu sehen, wie sehr die Menschen sich über unsere Auswahl freuen und dankbar sind.“


Die Tafel Grafenau
Vormbacherweg 9a
94481 Grafenau
Spendenabgabe:
Mo, Mi, Fr: 8 – 12 Uhr
Informationen zu Spenden und Abholungen bekommen Sie unter: 08552 91259 oder 08552 973958

„Lebensmittel gehören zu den Menschen, nicht in Container. Die Leute, die herkommen, sind wirklich dankbar für das Essen. Außerdem mag ich die Atmosphäre bei der Tafel – wir sind wie eine Familie. Nach der Arbeit fühle ich mich gut und ich würde mich freuen, wenn mehr Leute die Tafel in Anspruch nehmen würden. Gerade ältere Leute trauen sich häufig nicht und schränken sich lieber ein, obwohl sie bei uns versorgt werden würden.“

– Christine Friedrich, arbeitet seit 10 Jahren bei der Tafel in Grafenau

Ehrenamt, Handwerk, mehralsduerwartest

Veröffentlicht: 13. Dezember 2018