Fühlen, was andere sehen

Durch einen schweren Arbeitsunfall vor 24 Jahren hat Bernhard Loibl sein Augenlicht verloren. Schwierige Zeiten folgten, aber nachdem der talentierte Mann aus Bischofsmais seine Erblindung angenommen hat, haben sich für ihn neue Türen geöffnet. Heute kann er sagen: „Ich schätze die dunkle Zeit genauso wie die helle Zeit von damals und möchte beides nicht missen“.

34 Jahre war Bernhard Loibl alt, als er im Dezember 1994 während einer Fortbildung von einer Leiter stürzte und sich schwere Verletzungen zuzog. Es war ein Tag, der sein Leben wohl grundlegend ändern sollte. „Gleich nach dem Unfall hatte ich Doppelbilder und Nebel vor den Augen, die

Ärzte sagten mir immer, es könne bis zu einem halben Jahr dauern, bis die Sehkraft wieder vollständig da sei“, erzählt der heute 59-Jährige. Zu Beginn habe er nie die Hoffnung aufgegeben – doch nach einem halben Jahr war die Sehkraft letztendlich vollkommen verschwunden.

„In den ersten fünf Jahren habe ich nur gegen mich und die Erblindung angekämpft. Ich wollte es einfach nicht wahrhaben. Irgendwann sagte meine Frau zu mir: Bernhard du brauchst wieder eine Aufgabe. So hat sie mich an das Schnitzen erinnert“, erzählt der blinde Künstler. Bernhard Loibl hat bereits vor seiner Erblindung Erfahrung mit dem Handwerk gemacht. Seine Tochter hat damals limitierte Barbie-Pferde gesammelt, es fehlte nur noch ein bestimmtes. Da es dieses nicht mehr zu kaufen gab, habe Bernhard Loibl beschlossen, ihr dieses Pferd zu schnitzen. Dann folgten berufliche Veränderungen und die nötige Zeit, das Hobby weiterzuverfolgen, fehlte.

„Das Schnitzen ist erst nach der Erblindung gekommen. Ohne Aufgabe ist mir die Decke auf den Kopf gefallen. Zu Beginn habe ich mit meinem gewöhnlichen Schnitzwerkzeug gearbeitet. Nachdem ich mich aber einige male verletzt habe, hat mir meine Frau ein pneumatisches Schnitzwerkzeug besorgt, welches sich dank einem Druckhebel leicht führen lässt. So muss ich selber keinen Druck mehr aufbauen. Wenn ich den Hebel auslasse, schaltet sich auch das Werkzeug sofort ab“, erzählt Bernhard Loibl.

Ein Schicksalsschlag

Bernhard Loibl hat nie die Blindenschrift erlernt, da er insbesondere in den ersten Jahren sein Schicksal nicht annehmen wollte. Zwei Jahre nach dem Unfall habe der Blindenbund ihm eine Rehalehrerin geschickt. Diese hatte jedoch keine Möglichkeit bekommen, dem blinden Schnitzer etwas beizubringen. Bernhard Loibl habe sie sofort wieder nach Hause geschickt.

„Nach fünf Jahren kam ein weiterer Rehalehrer und da ich zu dieser Zeit meine Erblindung langsam akzeptiert habe, konnte mir dieser wirklich praktische Tipps für meinen Alltag geben. Zum Beispiel hat er mir beigebracht Wäsche zu waschen und den Geschirrspüler einzuräumen. Natürlich kann ich es nicht so wie meine Frau, aber zumindest kann ich sie unterstützen“, erzählt er. Draußen im Garten hat sich Bernhard Loibl sich seine eigene Welt kreiert, indem er alle Schritte abgezählt hat. So kann er sich auf seinem Grundstück sogar ohne Blindenstock bewegen.

Für den begabten Schnitzer haben all seine Figuren eine Bedeutung und eine Geschichte: Entweder er hatte einen Traum, Gefühle oder Visionen, welche er mit den geschnitzten Figuren zum Ausdruck bringen möchte. „Das Schnitzen gibt mir eine Möglichkeit, mich mitzuteilen“, erzählt er. Sein Vorgehen könne man hauptsächlich mit Fühlen und Tasten beschreiben. Er arbeitet Schritt für Schritt, nimmt von dem Holzstück einen Abtrag weg und muss erneut fühlen. So entsteht immer wieder ein neues Bild in seinem Kopf. Bernhard Loibl könne maximal 2,5 Stunden an einer Skulptur arbeiten, bis es ihm zu anstrengend werde und er keine neuen Bilder mehr aufbauen könne. „Das ist, wie wenn mein Gehirn ein Bildschirm wäre und die Pixel plötzlich kaputt gehen“, erzählt er.

Eine der ersten Figuren des 59-Jährigen war „der Hoffnungsträger“. „Ich habe einen Engel geschnitzt, dem ich eine Laterne in die Hand gegeben habe. Immer wenn ich die Hoffnung hatte, dass alles gut wird und mein Augenlicht wieder zurückkommen wird, habe ich dem Engel ein Teelicht gegeben und dieses angezündet – als Symbol für das Augenlicht“, erzählt der 59-Jährige.

Bernhard Loibl hatte schon immer eine besondere Beziehung zu seiner Frau und seinen Kindern. Als seine Tochter von zu Hause ausgezogen ist, war es für ihn schwierig, damit klar zu kommen. „Dann hab i gesagt, jetzt schnitz‘ i ma a Prinzessin und stells in ihr Zimmer, damit na jemand droben ist“, sagt er schmunzelnd. So enstand eine weitere Figur: Die Prinzessin.

Auch die Dunkelheit ist lebenswert

„Es ist schlimm, wenn man blind ist aber mittlweile schätze ich die dunkle Zeit, die ich jetzt erleben darf, genauso wie die helle Zeit. Es sind zwei verschiedene Leben aber ich will mittlerweile diese Seite nicht vermissen und die andere nicht, beides ist lebenswert. Wichtig ist, dass man sich nicht aufgibt“, erzählt der Künstler.

Ein Nachbar hat dem Schnitzer mal einen Stamm geschenkt. In diesen hatte er ein Gesicht geschnitzt und den Spruch „Gott sagt steh auf“ hineingearbeitet. Mit dieser Figur wollte sich der blinde Schnitzer selber darstellen. „Immer wenn es mir schlecht geht denke ich daran, dass Gott zu mir sagt ich soll aufstehen und mich nicht aufgeben“, so Bernhard Loibl.

„Ich habe viel gelernt, insbesondere Dankbarkeit und Demut. Wenn ich morgens aufwache, bete ich und bitte um Kraft für den heutigen Tag und wenn ich abends schlafen gehe, bedanke ich mich, dass der Tag gut gelaufen ist und ich mache meine Augen zu, in der Hoffnung am nächsten Morgen aufzuwachen“, sagt er.

In den letzten Jahre habe der 59-Jährige viele Schicksalsschläge wie den Tod naher Familienangehöriger durchleben müssen. Für jeden von ihnen hat er eine eigene Skulptur geschnitzt – so konnte Bernhard Loibl seine Gefühle und Träume auf seine Art und Weise aufarbeiten.

Meist arbeitet der blinde Schnitzer an Figuren mit einer Höhe bis zu einem Meter. „Für eine Figur brauche ich ungefähr 250 bis 300 Stunden, bis diese für mich fertig ist. Wenn ich kleine Figuren habe ist es für mich oft noch schwieriger, da der Raum kleiner ist und ich noch intensiver fühlen und tasten muss“, erklärt er.

Mittlerweile habe der Künstler um die 80 Skulpturen geschnitzt, in denen viel Talent und insbesondere Herzblut steckt. Für Bernhard Loibl ist es schwierig, sich von den Figuren zu trennen. Für ihn seien diese wie Kinder – er habe sie geschaffen und deren Gestalt geformt. Sie seien ein Teil von ihm.

Seit ein paar Jahren stellt er einen Teil seiner Kunstwerke immer wieder auf Ausstellungen in der Gegend aus, wobei ihn seine Familie tatkräftig unterstützt. Für Bernhard ist es immer interessant, wie die Menschen seine Figuren wahrnehmen und welche Geschichte diese für die Leute erzählen. „Meist stimmt das aber mit dem überein, was ich mir dabei gedacht habe“, sagt er stolz.

„Die Haltung der Figuren macht die Gefühle aus. Natürlich ist von der Anordnung der Augen zum Beispiel nicht immer alles da wo es sein soll. Anfangs habe ich immer meine Frau um Ratschläge und Verbesserungsmöglichkeiten gebeten, damit die Figur am Ende so aussieht, wie es eben das menschliche Auge gewohnt ist. Aber irgendwann habe ich für mich beschlossen: Bernhard du bist ein blinder Schnitzer. Wenn du sagst du bist mit der Figur zufrieden so wie sie ist, dann lass sie so. Du hast sie so geschaffen, wie es für dich möglich war“, erzählt er.

Schnitzen für blinde Kinder
in Nepal

Zwei Figuren habe der Künstler auch schon gespendet, zu Gunsten für seinen Augenarzt, welcher ein Projekt für Kinder in Nepal, die an grauen Starr erkrankt sind, geschaffen habe. „In Nepal haben Kinder, wenn sie blind sind, für deren Eltern keinen Nutzen mehr. Sie werden aufgegeben und sich selbst überlassen. Mein Augenarzt opfert seit 18 Jahren seinen Jahresurlaub und fährt nach Nepal, um dort Operationen durchzuführen. Seine Frau ist Gefäßchirurgin und führt dort weitere OP’s durch“, erzählt Bernhard Loibl. Im Zuge seiner Arbeit vor Ort hat der Arzt eine Schule für Analphabeten errichtet, damit den Kindern eine Zukunft ermöglicht wird. Vor vier Jahren wurde diese Schule jedoch von einem Erbeben zerstört. „Mein Augenarzt wollte eigentlich schon lange in den Ruhestand gehen, aber sein Ziel ist es, dieses Objekt nochmal neu aufzubauen, wofür er jedoch 500.00 Euro braucht. Darum habe ich zwei Figuren geschnitzt und diese 2017 und 2018 bei einer Benefizveranstaltung versteigert. Insgesamt konnte ich so 25.000 Euro einnehmen, welche ich dann meinem Augenarzt und seinem Verein ´Kleine Hilfe Deggendorf´ gespendet habe“, erzählt er.

Vor fünf Jahren hat der talentierte Künstler ein weiteres Hobby für sich entdeckt: Die Fußreflexzonenmassage. Diese habe er in einem Kloster gelernt, als seine Frau dort in Behandlung war. Immer wieder kommen Betroffene heute zu Bernhard und lassen sich von ihm eine Massage geben. Durch die beiden Hobbys konnte der 59-Jährige seinem Leben wieder einen Sinn geben und vor allem sein Selbstwertgefühl steigern.

„Mir ist wichtig, dass Behinderte, egal welche Behinderung, mitbekommen, dass man sich auch mit körperlichen Einschränkungen künstlerisch betätigen kann. Man muss sich trauen und einen Anfang wagen. Erst als ich meine Erblindung angenommen habe, hat mein Leben wieder neu stattgefunden. Ich habe mich neu erfinden müssen“, sagt Bernhard Loibl. „Wenn ich meine Familie, meine Frau und meine Kinder nicht gehabt hätte, dann würde es mich nicht mehr geben.“

Wenn der talentierte Schnitzer mal keine Kraft mehr hat, geht er zur Brunnenkapelle in Sankt Hermann. Dort steckt er dann seine Füße in die Quelle. „Für mich ist das wie eine Steckdose, eine Ladestation, in der ich meinen Akku aufladen kann“, sagt er. Solche Ladestationen sind für Bernhard Loibl wichtig. Jeder Mensch habe diese, man müsse sie nur für sich entdecken.

Fünf Jahre nach seiner Erblindung sagte der Rehalehrer zu Bernhard Loibl:

Wenn sich der siebte Sinn entwickelt hat, wirst du wieder sehen.

Der blinde Schnitzer hatte damals nicht verstanden, was er ihm damit sage wollte. Heute versteh er es genau: „Der siebte Sinn ist bei mir mittlerweile so stark ausgeprägt, dass ich zum Beispiel sehen kann, wenn meine Frau irgendwo einen Gegenstand liegen gelassen hat. Natürlich kann ich diesen nicht wirklich sehen, aber ich spüre ihn. Es passiert wirklich sehr selten, dass ich zusammenfalle oder stolpere. Was andere sehen, kann ich heute fühlen“, schildert Bernhard Loibl.

Handwerk, Heimat, Kunst

Veröffentlicht: 1. Oktober 2019