Hand.Werk

1902 – das Geburtsjahr des Klosters St. Josef in Thyrnau. Was zuvor ein ehemaliges Jagdschloss war, wurde zu dieser Zeit durch Zisterzienserinnen aus Vézelise in Frankreich erworben und besiedelt. Heute ist das Kloster insbesondere für seine Paramenten- und Fahnenstickerei bekannt.

Die Schwestern, welche Anfang des 20. Jahrhunderts nach Thyrnau kamen, stammten aus der 1245 gegründeten und 1848 aufgelösten Zisterzienserinnenabtei Rathausen bei Luzern. Nach deren Einzug im damaligen Jagdschloss wurden von 1910 bis 1914 viele Arbeiten an dem Gebäude durchgeführt: eine Kirche, Wohnräume der Schwestern sowie mehrere Gästezimmer kamen hinzu.

„Die Zisterzienser leben nach der Regel des heiligen Benedikt. Unsere Spiritualität geht auf Bernhard von Clairvaux zurück, der große Ordensvater, der aber nicht unser Gründer ist“, erklärt die Äbtissin des Klosters in Thyrnau Mechthild Bernart. Da die Zisterzienser ihren Lebensunterhalt schon immer durch Arbeit mit ihren Händen verdienen wollten, bestimme Beten und Arbeiten das Leben der Klosterschwestern.

Äbtissin Mechthild Bernart

Die Leiterin des Klosters ist Mechthild Bernart, seit 2002 die fünfte im Amt in Thyrnau. Von 1959 bis 1964 besuchte sie die Marienschule der Ursulinen in Bielefeld und von 1964 bis 1968 das Cäciliengymnasium, wo sie ihre Schulausbildung mit dem Abitur abschloss. Nach dem Studium als Sonderschullehrerin für Lern- und Geistigbehinderte in Bielefeld, Köln und Dortmund legte sie 1972 das Staatsexamen für das Lehramt an Sonderschulen in Dortmund ab. Es folgten die Referendarzeit, die Promotion in Pädagogik an der Universität Dortmund 1977 und ein Jahr später das zweite Staatsexamen.

„Dort, wo ich mein Praktikum gemacht habe, war in der Nähe ein Zisterzienserkloster, in dem ich in einem Gästezimmer untergebracht war. Ich bin immer gerne hier her zurückgekommen, aber in ein Kloster zu gehen, konnte ich mir zu diesem Zeitpunkt noch nicht vorstellen. Eines Tages hat der Patres des Klosters zu mir gesagt: Wenn du eh immer wieder hier herkommst, kannst du auch selber ins Kloster gehen. Meine Antwort damals war: Ich bin doch nicht verrückt“, erzählt die 71-Jährige schmunzelnd.

Trotzdem habe ihr dieses Thema keine Ruhe gelassen, bis Mechthild Bernart irgendwann zu sich selber sagte:

Du kannst doch nicht sagen, dass du nicht in ein Kloster gehen magst, wenn du gar keines kennst.

Da das Interesse ja offensichtlich vorhanden war, ist die heutige Äbtissin über Umwege nach Thyrnau ins Kloster gekommen, um sich das Leben dort genauer anzusehen. „Ich hatte eine Bekannte in München, die habe ich nach meinem Aufenthalt in Thyrnau besucht. Musste ja nicht gleich jeder wissen wo ich war und so meinten alle ich war in München“, erzählt sie. Insgesamt habe es drei Jahre gedauert, bis Mechthild Bernart sich endgültig für den Eintritt in das Kloster entschieden hat.

„Es gab für mich einen Zeitpunkt an dem ich gesagt habe: Jetzt kann ich nicht mehr warten, jetzt muss ich ins Kloster gehen“, erzählt die Äbtissin. Das erste halbe Jahr im Kloster sei eine Art „Kennenlern- und Eingewöhnungszeit“, danach folge die Einkleidung für ein Jahr. Nach diesem Jahr werde der Konvent, also alle im Kloster lebenden Schwestern, gefragt, ob man bleiben dürfe. „In den folgenden drei Jahren folgte die sogenannte einfache Profess und anschließend die ewige Profess – also eine feste Entscheidung für mein weiteres Leben. Diese war allerdings nicht schwer für mich“, erzählt sie.

Am Anfang sei es für Mechthild  Bernart schon eine Umstellung gewesen. „Man ist es gewohnt, frei zu sein und immer und überall hinfahren zu können. Im Kloster ist der Raum begrenzt, aber man gewöhnt sich schnell daran“, erinnert sie sich. Heute muss die Äbtissin eine Weile über die Frage nachdenken, auf was sie mit dem Eintritt in das Kloster verzichtet habe. „Eigentlich auf nichts, ich wüsste nicht, was mir hier fehlt“.

Kunst und handwerkliches Geschick

Als Äbtissin müsse man sich um die Schwestern kümmern, den Weg vorgeben, das Haus in Schuss halten und Arbeiten, die  jeden Tag anfallen, erledigen. Im Kloster gibt es verschiedene Arbeitsbereiche, die sowohl von den Schwestern selber als auch zum Teil von Angestellten durchgeführt werden. „Dazu gehören die Küche, Führungen im Kloster, Gartenpflege und das Gästehaus. Die Landwirtschaft ist bereits verpachtet.

Die Stickerei ist jedoch unser Hauptgeschäft“, erzählt die Äbtissin. Der Stickereibetrieb bestand im Kloster St. Josef seit dem Einzug der Schwestern in das damalige Jagdschloss. Neben den Klosterschwestern arbeiten in der Stickerei derzeit drei Angestellte, in der Schneiderei zwei.

„Nach dem Krieg wurde im Kloster Thyrnau eine Ausbildung in der Stickerei für Mädchen aus dem Ort angeboten. Bis heute könnte man bei uns eine Ausbildung in der Handstickereis beginnen“, erzählt Mechthild Bernart.

Im Laufe der Jahrzehnte habe sich die Handwerkskunst in den Stickformen weiterentwickelt, wie etwa in der Nadelmalerei, Goldstickerei, Leinenstickerei oder Weißstickerei.

„Gestickt und genäht wird in unserer Werkstatt alles für den kirchlichen Bedarf: Messgewänder, Stolen, Chorröcke, Tuniken, Ministrantengewänder, Altar- und Kelchwäsche, aber auch Textilien wie Fahnen, Standarte,Wimpel und Fahnenbänder“, erzählt die Äbtissin des Klosters St. Josef.

Die Aufträge kommen hauptsächlich von der Kirche, von einzelnen Pfarreien und den Diözesen in Regensburg, München und Bamberg, aber auch von Privatpersonen und Vereinen wie der Feuerwehr, Soldaten oder dem Frauenbund.

„Heute gehen wir der sogenannten freien Stickerei, also der Gestaltung einer Fläche in freier Entscheidung mit Nadel und Faden gezielt nach. Das lässt Raum für Kreativität und Gestaltungsfreude sowie für die Wünsche unserer Kunden“, erzählt die Leiterin der Stickerei.

Derzeit leben im Kloster in Thyrnau zehn Schwestern, die Älteste sei 90, die jüngste 57 Jahre alt. Für die Zukunft habe Äbtissin Mechthild Bernart jedoch starke Nachwuchssorgen. „So geht es aber wahrscheinlich vielen Klöstern, nicht nur uns“, schließt sie.

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Veröffentlicht: 6. Februar 2020