Kopfgeschichten

Resi Schandra liebt es, ihre Gedanken und Gefühle auf einem Blatt Papier wiederzugeben. Meist handeln diese von ihrem Leben – aber ebenso schreibt die 80-Jährige über Politik, zeitkritische Themen und natürlich über die Familie und Liebe. Zehn Bücher und eine Musik-CD gehören mittlerweile zum Repertoire der kreativen Rentnerin.

40 Jahre ist es her, als Resi Schandra mit dem Schreiben begonnen hat. Auch wenn die 80-Jährige bis heute nichts von Esoterik wissen will, gab es doch eine Situation in ihrem Leben, die sie sich bis heute nicht erklären kann, welche sie aber dazu gebracht hat, mit dem Schreiben zu beginnen.

„Meine Mutter, zu der ich eine besondere Bindung hatte, ist schon früh verstorben. Unsere ganze Familie war immer sehr musikalisch und wir haben viel und oft miteinander gesungen. So auch eines Nachts in meinem Traum – doch plötzlich war es leise und keiner von uns wusste mehr weiter. Da hörte ich eine laute Stimme die rief: Reserl schreib“, erinnert sie sich.

In diesem Traum hörte Resi ihre Mutter – seither schreibt die quirlige Rentnerin ihre Gedanken und Erfahrungen auf Papier.

Ich bin mir vorgekommen wie ein alter Kasten, der Traum war der Schlüssel dazu und bis heute finde ich immer noch Stoff darin.

Aufgewachsen ist die Dichterin mit 13 Geschwistern in Falkenbach, darunter drei mal Zwillinge. Sie habe eine extrem arme Kindheit gehabt, aber auch eine sehr schöne. „Ich möchte die Zeit nicht beweihräuchern – aber auch nicht bejammern“, so Resi Schandra.

Resi hat über ihre Kindheit schonviele Gedichte geschrieben, weitestgehend in Mundart verfasst. Über diese Zeit in ihrem Leben erzählt sie so, wie sie diese erlebt hat, und möchte dabei nichts schön reden.

Auch der Lebensabschnitt, in dem sie zum Geld verdienen nach Frankfurt zog, findet sich in ihren Büchern wieder. „Nach der Schule mussten wir weg, unser eigenes Brot verdienen – durch eine Verwandtschaft konnte ich nach Frankfurt, eine Zahnarztfamilie suchte ein Hausmädchen. Ich hab mich gefreut, endlich weg von Daheim, endlich kann ich mir meine Zöpfe abschneiden, endlich schaue ich aus wie eine Frau, endlich ein Bett für mich alleine. Ich dachte mir – das wird traumhaft. Beim ersten Gang in das Hochhaus bin ich mitten auf der Treppe stehen geblieben und habe geweint. Überall roch es nach Kohle. Ich wusste, da bekomme ich keine Luft, da kann ich nicht bleiben“, erzählt die Rentnerin.

Mit der Zeit sollte Resi Dinge tun, die sie nicht wollte und bekam so immer mehr Probleme mit der Zahnarztfamilie. Sie fühlte sich oft belästigt und bedrängt. Man merkt ihr an, wie viele Emotionen in ihr stecken, wenn Resi über diese Zeit in ihrem Leben spricht. Nach wenigen Wochen kehrte sie wieder zurück in ihre geliebte Heimat im Landkreis Freyung-Grafenau und heiratete schließlich ihren Mann, mit dem sie 51 Jahre lang verheiratet war. Als dieser starb, begann für Resi eine besonders schwere Zeit, denn sie war plötzlich zum ersten Mal alleine.

So wie i red

„Erst dachte ich, wenn ich meine Kindheit ausgeschrieben habe, dann ist es mit dem Schreiben zu Ende, aber das ist bis heute nicht der Fall“, erzählt sie. Durch ihre langjährige Ehe und ihr großes Interesse an Politik, gibt es für Resi Schandra immer wieder Themen, die ihr in den Kopf kommen.

„Bei mir liegt immer ein Block zum schreiben da, aber meine Gedichte und Aphorismen entstehen erst im Kopf und wenn ich sie fertig gedacht habe und damit zufrieden bin, schreibe ich sie auf Papier“, erklärt die kreative Rentnerin.

1980, als sie noch kein Buch veröffentlicht hatte, hielt sie den ersten Vortrag im Schraml Haus in Freyung. 25 Jahre lang hat sie dort ihre Gedanken frei vorgetragen – ohne Buch, alle Manuskripte mit der Hand geschrieben.

Mittlerweile formuliert sie ihre Gedanken und Aphorismen weitestgehend in Schriftdeutsch. „Viele sagten, wir hören dich so gerne, aber mit dem lesen tun wir uns so schwer“, erzählt sie.

Bis heute hat die 80-Jährige zehn Bücher veröffentlicht, sechs davon sind noch in Mundart gehalten. „Die Dinge, über die ich schreibe, sind sehr vielseitig, darunter natürlich viele Lebensweisheiten, zeitkritische Themen, der Fortschritt und die Liebe“, sagt sie.

Resi Schandra hat heute neun Enkelkinder und ist bereits zweimal Uroma.  Selber hat sie fünf Kinder großgezogen – „Ich weiß also, wovon ich spreche. Kinder sind für mich das Allerwichtigste“, sagt sie liebevoll.

Die schöne Heimat

Vor drei Jahren veröffentlichte Resi eine Lieder-CD in Mundart: „Er is staad. Sie is staad“. „Das war zwei Monate vor meinem Schlaganfall, da war ich 77 Jahre alt. Pauli Raimund aus Freyung hat musiziert, die Melodie und Texte habe ich selber geschrieben, obwohl ich keine Noten lesen kann“, erzählt sie stolz. Auch wenn ihre Stimme heute nicht mehr die Selbe sei, singt sie ihren Liedertext mit viel Leidenschaft – und ebenso wie ihre Lesungen – frei aus dem Kopf heraus.

Seit fünf Jahren lebt sie nun in einem liebevoll eingerichteten Appartement im Rosenium in Freyung. Resi Schandra wohnt gerne hier – und wenn sie nicht gerade schreibt, genießt sie ihre Stunden mit Freunden im Café oder macht einen Spaziergang durch die Natur. Diese spielte nämlich für Resi schon immer eine wichtige Rolle.

Die Natur und der Wald sind mein Ein und Alles, ich war noch nie im Urlaub. Bei uns in der Region ist es sowieso am Schönsten.

Wos hods uns scha eibrocht,
de fortschrittlich Zeit.
S´Dorf is verschwunden,
a Siedlung is heid.
Metall und Beton,
des is da nei Trend,
koan Ratsch mitandand,
weil ma eh nermd mehr kennt.
Wia d’Leid a so d’Heiser,
verschlossen und koid.
Koan Blotz mehr für d’Muadder
und s’Gramblad des oid.
Schnoi is des ganga,
wiar a Diab bei da Nocht,
hod da Fortschritt uns ogluxt,
wos d’Hoamat ausmocht.
Sche langsam kimmds wieder,
des gmiadliche Haus,
voi Hoiz und voi Stoana,
iatz stermd d’Leid dazua aus. 

Wenn ich im Laufe meines Lebens immer wieder mein Herz sprechen lasse, Kinder in Schutz nehme, Krummes gerade biege, habe ich den Sinn meines Daseins verstanden. 

Resi Schandra

Heimat, Regional

Veröffentlicht: 27. Januar 2020