Rupert Berndl

Rupert Berndl
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Berndl
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VOM MALEN UND MAHLEN

DIESER 77-JÄHRIGE TAUSENDSASSA AUS PASSAU STUDIERTE MALEREI UND BILDHAUEREI, IST EHEMALIGER KUNSTERZIEHER, BEREITSCHAFTSLEITER DER BERGWACHT, EHEMALIGES STADTRATMITGLIED UND BIS ZUM HEUTIGEN TAG KREISHEIMATPFLEGER. RUPERT BERNDL LEBT IN WALDKIRCHEN UND HAT MEHRERE BÜCHER ZU UNTERSCHIEDLICHEN THEMEN GESCHRIEBEN.

Seit 2010 ist der Wahl-Waldkirchener als Buchautor bekannt. Dabei kommt ihm sicherlich seine Arbeit als Kreisheimatpfleger zugute, wo er immer neue Ideen für tolle Geschichten sammeln kann, die er auch gerne während eines netten Gesprächs unter einem Sonnenschirm in seinem jahrzehntelang gewachsenen, wildromantischen Garten preisgibt. „Wir wollten ursprünglich maximal zwei Jahre hier bleiben und danach wieder nach Passau zurück“, erläutert Berndl lachend. Doch sie lernten ihre neue Heimat schätzen und lieben, was vor allem auch den dort geschlossenen Freundschaften und der Freundlichkeit der Menschen in der Region zugrunde lag. „Die Leute sind dermaßen hilfsbereit. Sie scheinen am Anfang erst einmal sehr verschlossen und unnahbar. Manche legen das falsch aus, aber im Endeffekt sind die Waldler unglaublich hilfsbereit.“ Der Kreisheimatpfleger ist der altdeutschen Schrift mächtig und bekam 2004 ein altes Kochbuch aus dem Archiv der Stadt, um es zu übersetzen. Die Materie rund ums Kochen war ihm allerdings nicht ganz neu.

„1982 habe ich auf einem Flohmarkt in Passau ein handgeschriebenes Buch entdeckt. Da stand mit Tinte auf dem Umschlag geschrieben: Kochbuch der Maria Reschauer aus Sassbach, das ist ein Stadtteil von Waldkirchen.“ Auch fand er dort viele Rezepte aus der Zeit des 19. Jahrhunderts. Es waren Notizen im hinteren Teil des Kochbuches zu dessen ursprünglichen Besitzerin zu entdecken,

die beispielsweise 100 Taler an einen Gläubiger verliehen hatte. „100 Taler waren in etwa 10.000 Mark. Das muss also eine wohlhabende Frau gewesen sein“, schließt Berndl. So begann sein Interesse am Kochen zu jener Zeit und dem Leben außerhalb davon. „Ich habe eigentlich sämtliche Nebenkriegsschauplätze durchleuchtet und so über die Kochbücher Wissen vom Leben in jener Zeit gesammelt.


Ein Auszug aus Berndls Buch „Kartoffelsterz und Hollerkoch – Rezepte aus schweren Zeiten“:

Wie im Ersten Weltkrieg bildeten sich tagtäglich ab den frühesten Morgenstunden lange Schlangen vor den Lebensmittelläden, vor den Bäckereien und Metzgereien.

„Die damit verbundenen Strapazen mussten fast ausschließlich wieder die Frauen und Mütter auf sich nehmen. Ihr aufopferungsvoller Einsatz, ihre Mühen, Sorgen und Ängste, aber auch ihr unglaublicher Erfindergeist, was das Kochen anbelangt, wird bis zum heutigen Tag viel zu wenig beachtet. Sie waren es schließlich, die ihre Kinder und die Alten über diese fürchterliche Zeit brachten. Aus der Not geboren entwickelten die Hausfrauen einen wahrhaft unglaublichen Einfallsreichtum, um aus den wenigen verfügbaren Lebensmitteln etwas Genießbares, ja Schmackhaftes zu zaubern.“


1940 geboren, kennt Rupert Berndl das Leben in schweren Zeiten reichlich. „Bis 1948 war die Not sehr groß. Da hat es diese Lebensmittelmarken fürs Essen in der Bevölkerung gegeben. Ich verbinde das blöde Anstehen um vier Uhr morgens mit meiner Mutter, damit sie um halb zehn vielleicht eine Kanne Milch und ein Stück Brot für uns bekommen konnte“, berichtet der Kreisheimatpfleger.

Schmunzelnd fügt er dazu: „Das hatte für uns Kinder aber auch angenehme Nebeneffekte: Wir hatten Hühner und Hasen auf kleinstem Raum. Mir wurde aber das Hasenfleisch als Kalbfleisch verkauft, sonst hätte ich das nie gegessen.“

Mit seinen Recherchen zu dem Kochbuch ist Berndl bis hin zu Adalbert Stifter gelangt, einem berühmten österreichischen Schriftsteller. „Er war ein begnadeter Trinker und Esser.“ Im Hinblick auf die schweren Zeiten, zu denen dieser lebte, betrachtet man Berndls Worte wohl aus einem anderen Blickwinkel im Gegensatz zur heutigen Zeit, in der Verschwendung ein großes Thema ist. „Die Gewichtsangaben in dem Kochbuch, das mir vom Stadtarchiv überlassen wurde, waren immer unterschiedlich. Eine Hand voll Mehl beispielsweise. Die eine hat vielleicht eine kleine Hand, die andere ein richtige drum Bratzen. Da wird jeder Kuchen anders geschmeckt haben. Mit meinen Händen, die so gar keine filigranen Frauenhände sind, hätte ich wohl nur Mehlklumpen hergestellt, wenn ich mich so an die Rezepte gehalten hätte“, lacht Berndl.

Die Hauptarbeit leistete seine Frau, die Berndls Lieblingsrezepte nachkochte. „Auch ich habe dabei das Kochen gelernt. Meine Spezialität sind Speckknödel und Strudel, was anderes kann ich nicht so richtig“, erklärt Berndl. Eine weitere Schwierigkeit bestand in der Sprache: Die Schulpflicht war noch nicht eingeführt worden, sodass nach der jeweiligen Mundart geschrieben wurde. Begriffe wie Or, Oa oder auf Hochdeutsch Eier musste Rupert Berndl erst einmal übersetzen. Dazu taten sich immer neue Felder auf.

Was haben diese Leute gehabt? Was haben sie verarbeitet? Und was haben sie gekauft? So zauberte Berndl mittlerweile zwei Kochbücher, die eine Abhandlung zur Geschichte jener Zeit darstellt.  Es handelt von Einfallsreichtum, Not und einem Lebenshunger, den man zwischen den Seiten förmlich spüren kann.


Zwei Rezepte aus Berndls Buch „Kartoffelsterz und Hollerkoch“:

Kartoffelnudeln

Zutaten:
140 g Butter
2 Eier
Salz
8 mittelgroße Kartoffeln
(100 g Zucker)

Zubereitung:
Zum schaumig gerührten Butter rührt man die Eier und die gekochten und kaltgeriebenen Kartoffeln, salzt den Teig und formt Ei große Nudeln. Diese bäckt man in der Pfanne in heißem Schmalz auf beiden Seiten goldgelb.
Diese Masse ergibt 30-40 Stück. Will man sie süß, so mischt man zum Teig 100 g Zucker.

Rannerschnitzl

Zutaten:
3 Ranner
1 L Salzwasser
2 EL Mehl
1 Prise Salz
1 Zwiebel
20 g Fett

Zubereitung:
Man kocht Ranner in Salzwasser, bis sie nicht mehr ganz hart, aber auch noch nicht ganz weich sind. Mit dem Reibeisen werden nun die geschälten Ranner gerieben. Dazu gibt man etwas Mehl, eine fein gehackte Zwiebel und eine Prise Salz. Von diesem steifen Brei sticht man mit einem Esslöffel kleine runde Nudeln ab und legt sie in eine leicht gefettete Pfanne. Man drückt sie mit dem Löffel flach und brät sie sanft heraus.

An Guadn!

Buchtipp, Kulinarik, Kunst, Rezeptidee

Veröffentlicht: 15. Februar 2018