Drei Landkreis-Urgesteine erzählen

Abenteuerlichen Geschichten von Paul Freund, Rudi Pecho und Ludwig Wensauer
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Carolin

Spurenlesen

VON CAROLIN PECHO

Es ist dunkel. Brummend tappt ein Bär durch das Dickicht, reibt sich an einem Stamm und gähnt. Es riecht komisch, er dreht den Kopf und braucht einen Moment, um zu erkennen, was da aus dem Dunkel des Waldes mit Gebrüll auf ihn zustürmt. Männer mit hellen, brennenden Lichtern in der Hand und mit langen Stangen. Der Bär fängt an zu laufen, er will weg, flüchten, da zwischen die Felsen hinein. Er läuft direkt in die Falle. Dicht gewebte Netze schließen sich um ihn und er sitzt fest, bäumt sich auf, aber er kommt nicht mehr gegen die Männer an. Er muss mit ihnen gehen, hinaus aus dem Wald, in eine Welt, die er nicht kennt.

So oder so ähnlich hat Paul Freund vielen Wandergruppen die Geschichte von der Bärenjagd am Geistlichen Stein bei Ringelai erzählt. Er kennt sich aus im Wald und weiß dort die Spuren der Geschichte zu lesen. Mit den Scherbenfunden, die er machte, initiierte er das Keltendorf Gabreta mit, das Jahr für Jahr Besucher nach Lichtenau bringt.

Ein Bayerwald-Urgestein

Wenn Paul den Wald anschaut, dann sieht er nicht nur die Bäume, sondern auch die Geschichte des Fleckens Erde auf dem er lebt. Mittlerweile ist er nicht mehr so gut zu Fuß, aber in jüngeren Jahren, hat er sich den Wald allein erschlossen, ist darin gewandert, hat sich die Formationen angesehen und die Hinterlassenschaften der Menschen. Aber er hat auch den Leuten zugehört und zusammen haben sie immer mehr entdeckt vom Wald und von den menschlichen Relikten darin.

Das ist, was Paul eigentlich interessiert. Nicht so sehr die Natur, die auch, als Bauer hat er mit ihr und von ihr gelebt, aber was ihn antreibt, was ihn wirklich reizt, ist die Spurensuche an den Bäumen, im Boden und im Gestein. Die menschlichen Überbleibsel will er finden. Die Spurensuche ist ein Bedürfnis des Menschen. Die Bären von denen Paul erzählt, haben keine Abdrücke mehr hinterlassen, vielmehr sind es papierene Zeugnisse, die von ihnen berichten.

Akten wie sie Ludwig Reiner und Ludwig Schober in ihrem Buch über die Fürstliche Bärenjagd im Bayerischen Wald zusammengetragen haben. Berichte sind es, alte Waffen und Kleidung, die man untersuchen kann. Im Freyunger Museum Jagd Land Fluss, im alten Jagdsitz der Fürstbischöfe von Passau, kann man selbst auf die Spur der Jagd und des Waldes kommen.

Im Grenzland unterwegs

Aber Spuren sind nicht nur materiell, sie finden sich auch im Gedächtnis und in den Geschichten von Menschen. Manchmal kommen Paul und ein paar Freunde in seiner Stube zusammen und erzählen und erinnern sich. An die Schulzeit zum Beispiel, als sie mit Schlitten von Lichtenau bis zur Schule in Ringelai hinunterfahren konnten. Manchmal gab es auch einen Unfall, erzählt der Rudi Pecho, dann wollte es aber natürlich niemand gewesen sein. Er und sein Bruder Ferdinand, den alle nur Ferdl nennen und der bei der Blasmusik spielt und deshalb ohnehin jeden kennt, sind im Nachbardorf von Lichtenau, in Kringing aufgewachsen. Hinter Kringing hört die Straße auf, hier merkt man noch, dass es einmal eine Grenze gab zwischen den Bayerischen und Bistümlern, sie lief entlang des Geistlichen Steines, eben jenen Steinen, die den Bären zum Verhängnis wurden.

„Die schwarze 3“

„Es waren immer viele Kinder da“, erzählt der Paul. Zusammen mit‘m Ferdl und dem Wensauer Ludwig waren sie einmal eine Bande „Die Schwarze 3“, berichten sie und lachen noch heute über einige der Schandtaten von früher. Wie auf das Kommando zieht der Ferdl eine Flasche Wein aus der Tasche, die ihm sein Sohn bestellt hat. „Dem habe ich einmal von unserem Stückl erzählt und dann hat er sie gleich geordert.“ Eine Flasche Weißwein, die „Zeller Schwarze Katz“, das war in den 50er und 60er Jahren eine Spezialität. Süß ist der Wein und seit einigen Jahren gibt es ihn wieder. Die drei Jungen haben damals lange ihre Pfennige gespart und dann in Rentpoldenreut eine Flasche Wein gekauft. Womit sie nicht gerechnet hatten war der Korken. Wie sollte man die Flasche nun aufbekommen? Der Ludwig grinst.

„Dann haben wir sie daheim gegen die Stallwand geschlagen, ganz vorsichtig, dass sich der Korken langsam löst. Das hat er auch gemacht, aber es war halt auch wahnsinnig laut.“

Das ganze Dorf haben die drei damit aufgeschreckt und sind kopfüber geflüchtet, als einer ihrer Väter herauskam und nachschauen wollte, wer da so einen Krach machte. Er konnte sich es wohl denken, obwohl sie davongelaufen sind, auf jeden Fall hat er ihnen die Flasche Wein stehen lassen. Die Flasche gibt es nicht mehr, aber die Rebsorte und das Lächeln auf den Gesichtern von den drei Männern, die sind greifbar. So hat die Zeller Schwarze Katz Spuren bei ihnen hinterlassen und eine Freundschaft begründet, die immer noch hält.

Alte und neue Heimat

Spuren hinterlassen auch Familien- und Herkunftsgeschichten. Viele Familien im Bayerischen Wald haben eine Fluchtgeschichte. Sie sind nach dem Zweiten Weltkrieg aus dem Sudentenland und Böhmen vertrieben worden. Gab es denn Streitigkeiten, weil die einen, zum Beispiel die Pechos erst mit der Flüchtlingswelle zugezogen waren? Bei der Frage schütteln sie alle den Kopf. Sie waren Jungs und da hat das weniger gezählt, man wusste halt, dass das so war, aber für die Freundschaften war es nicht so wichtig.

„Außer einmal“, wendet Rudi ein, „ich war so ein kleiner Knopf, zweite oder dritte Klasse, da hat mich eine Frau abgefangen, die beim Vater Kartoffeln gekauft hatte und mich angeschrien, dass wir alle ‚Böhmdeife‘ seien und überhaupt eh kriminell. Die war wohl mit der Ware nicht zufrieden.“ Als er es daheim erzählt hat, meinte allerdings seine Mutter, dass die betreffende Dame „ein noch viel größerer Böhmdeife“ ist als wir.
„Wobei“, wendet Paul ein, „es gab einen Jungen, der nur mit seiner Mutter einquartiert war und der hatte wirklich noch weniger Geld und Sachen als wir. Der hatte nicht einmal einen Schulranzen.“ Ferdl nickt, an den erinnert er sich auch noch.

„Einmal“, fährt Paul fort, „da hat es auf dem Weg zur Schule ganz plötzlich angefangen zu regnen und er hatte seine Tafel und den Griffelkasten nur so unterm Arm. Alle sind gerannt und schnell ins Schulhaus rein, aber als wir die Hausaufgaben auf der Tafel vorzeigen sollten, war seine leer. Der Regen hatte sie abgewaschen. Anstatt, dass die Lehrerin gesagt hätte, da brauchst halt mal einen Ranzen, hat sie ihm eine Watschn gegeben. Das empfand ich damals als ungerecht und tue es immer noch.“ Es sind Kleinigkeiten, die einem in Erinnerung bleiben, aber Kleinigkeiten, an denen größere Probleme sichtbar werden. Armut zum Beispiel und Geldsorgen, Wünsche, die nicht mit der alltäglichen Situation zusammenpassen und ein Leben, in dem man sich lange wenig gönnen konnte. Auch das hinterlässt Spuren in den Gedanken derjenigen, die damit leben und das Bewusstsein, dass es vielen kaum je so gut gegangen ist wie heutzutage.

Im zweiten Teil unserer Miniserie erfahrt ihr mehr über die abenteuerlichen Geschichten von Paul Freund, Rudi Pecho und Ludwig Wensauer.

Natur, Regional

Veröffentlicht: 22. März 2018