Technische Hochschule Deggendorf

Vom Museum in die digitale Welt

Seit der Campus der Technischen Hochschule Deggendorf (THD) 2009 in Freyung gegründet wurde, hat sich dort einiges getan. Aber was eigentlich?

Was machen die wissenschaftlichen Mitarbeiter, Doktoranden und Professoren an der Zweigstelle der Hochschule? In dieser Ausgabe des DAHEIMVORTEIL werden zwei brandneue Projekte der THD vorgestellt.

Museum Uploaded

Der Technologiecampus Freyung (TCF) ist ein großes Informatikinstitut, das sich mit Digitalisierung in mannigfaltigen Bereichen beschäftigt. So entstand auch das Projekt Museum Uploaded, bei dem zukünftig die Arbeit an Ausstellungen soweit vereinfacht werden soll, dass eine laufende Ausstellung beständig mit neuen Informationen erweitert werden kann. „Die Frage ist, was braucht ein Museum zukünftig in einer digitalen Welt“, meint der Campus- und Projektleiter Prof. Dr. Wolfgang Dorner.

Bis 2020 arbeitet die THD zusammen mit der Südböhmischen Universität Budweis an einem Content-Management-System, das die Arbeit im Museum erleichtern soll. Mit einer neuen Dauerausstellung zur Stadtgeschichte, die im Stadtmuseum Deggendorf entsteht, soll das System auf seine Praxistauglichkeit getestet werden. Im Rahmen einer europäischen Förderung über Interreg wird das neue System auch in Písek, der tschechischen Partnerstadt Deggendorfs, auf eine bestehende Dauerausstellung angewendet.


Was ist ein Content-Management-System?

Ein Inhaltsverwaltungssystem zur gemeinschaftlichen Erstellung, Bearbeitung und
Organisation von Inhalten.


Die Südböhmische Universität in Budweis übernimmt dabei den archivarischen Teil des Projekts. „Wir arbeiten an zwei Enden des Museums. An der Ausstellung zum einen und zum anderen an der archivarischen Seite, von der der Besucher erst einmal wenig sieht“, erläutert der Projektleiter. Auch das Prachiner Museum in Písek profitiert von der Zusammenarbeit und wird es verstärkt für die interne wissenschaftliche Kommunikation anwenden.

So kam auch die wissenschaftliche Mitarbeiterin Anja Braehmer zu dem Projekt Museum Uploaded, die für den musealen Teil des Projekts und gemeinsam mit der Museumsleiterin Birgitta Petschek-Sommer für die Neukonzeption der Deggendorfer Stadtausstellung verantwortlich ist.

„Es geht darum, auch in einer musealen Dauerausstellung Aktualität zu schaffen und die Gegenwart stärker miteinzubeziehen“, meint Anja Braehmer. Das größte Problem bei der Archivierung und Aktualisierung von musealen Inhalten sei das technische Know-How sowie der finanzielle Aspekt. „Wir arbeiten an einer technischen Lösung, die eine einfache Handhabung ermöglicht und Museen so beständig an ihren Ausstellungen arbeiten können“, erläutert Prof. Dr. Wolfgang Dorner.

Das Museum –
eine Spielwiese

Für die Informatiker und Wissenschaftler des Instituts ist der Einsatz digitaler Medien in musealen Ausstellungen ein großes Experimentierfeld.
„Es wird um die Deggendorfer Textilindustrie gehen, die heute so nicht mehr existiert. Eine wichtige Rolle spielen dabei Zeitzeugen, die wir in detektivischer Kleinarbeit recherchieren müssen“, meint Anja Braehmer schmunzelnd. Oft bekommt das Museum auf diesem Weg auch ungewöhnliche neue Exponate oder weitere Hinweise auf neue Gesprächspartner.

Ein Stadtmodell in 3D

Viele Stadtmuseen besitzen historische Stadtmodelle. In Deggendorf ist das leider nicht so. Dies eröffnet aber die Chance, ein modernes interaktives 3D- Modell des gesamten Stadtraumes zu entwickeln. Der Besucher kann dann aus verschiedenen Themen wählen, die auf dem Modell multimedial dargestellt werden. „Bei größeren städtebaulichen Veränderungen können einzelne Modellteile ausgetauscht werden, um immer das aktuelle Stadtbild zeigen zu können“, meint Dr. Mariann Juha, die ebenfalls an dem Projekt Museum Uploaded beteiligt ist und als wissenschaftliche Mitarbeiterin für die THD arbeitet.

PhotoStruk

Ein weiteres Projekt der THD bezieht sich auf die archivarische Seite von Museen, wobei mehrere 1 000 Bilder aus dem Bestand des Ateliers Seidel aus Krumau zur Verfügung gestellt wurden. „Ich selbst habe für meine Doktorarbeit historische Fotografien aus dem Bereich Landschaft suchen müssen – und das war ein Fass ohne Boden“, erinnert sich Prof. Dr. Wolfgang Dorner an die Schwierigkeiten bei der Durchsuchung von Fotoarchiven.

Anne Weinfurtner ist wissenschaftliche Mitarbeiterin der Hochschule und Teil des Projekts PhotoStruk. Mit viel Herzblut engagiert sich die junge Medieninformatikerin für dessen Umsetzung.

PhotoStruk und Museum Uploaded ergänzen sich dabei in vielerlei Hinsicht, wie Anne Weinfurtner verrät: „In beiden Fällen spielen historische Bilder eine wichtige Rolle. PhotoStruk zielt darauf ab, historische Fotos zugänglicher zu machen und sie leichter dokumentieren zu können. Auch vereinfacht unser Produkt die Arbeit von Archäologen enorm, da sie viel schneller geeignete Fotos für die 3D-Rekonstruktionen von Gebäuden finden können.“

Wie etwa bei Google können die Algorithmen von PhotoStruk Gesichter, Objekte oder Landschaften im Bild erkennen und zuordnen. Doch es geht noch mehr: So sollen zukünftig Menschen aus der Region einen entscheidenden Teil zu dem Projekt beisteuern.

„Das nennt man Crowdsourcing. Auf der Online-Plattform www.photostruk.de
kann man sich die historischen Fotografien des Ateliers ansehen, mit Markern versehen und Dinge benennen, die man auf dem Foto sieht“, erläutert Anne Weinfurtner das System. Dadurch kann jeder einen entscheidenden Beitrag für die Archivdokumentation leisten.

Ganz vorne mit dabei

Die Kombination der künstlichen neuronalen Netze und Crowdsourcing hilft, das System mit immer neuen Begriffen zu füttern. Zusätzlich werden die Fotografien geografisch verortet, sodass man weiß, von wo sie aufgenommen wurden.

Natürlich müsse erst überprüft werden, ob die Teilnahme aus der Bevölkerung wirklich funktioniere, so Prof. Dr. Wolfgang Dorner: „Aber wissenschaftlich gesehen sind wir sehr weit vorn dabei.“

Dass bisher nur wenig an dieser neuen Art der Datenerfassung im Bereich Fotografie gearbeitet wird, liegt laut dem Projektleiter vor allem daran, dass die Geisteswissenschaften ihren Fokus bisher vor allem auf textliche und nicht auf visuelle Aspekte legte.

Die THD beschäftigt sich intensiv mit der Geoinformatik sowie der Computer Vision, sodass es nahe lag, eine archivarische Lösung für die Ablage von Bildern zu schaffen.

Moderne Wissenschaft

Hierfür wird mit der neuesten Technologie gearbeitet: Sogenannte künstliche neuronale Netze lernen selbstständig – wie das biologische Vorbild des Nervensystems im Gehirn –
neue Verbindungen zwischen verschiedenen Objekten herzustellen, zu löschen oder die Wichtigkeit einzelner Objekte neu einzuschätzen.

„Das kann man sich wie beim Sprachenlernen vorstellen“, erläutert Prof. Dr. Wolfgang Dorner das System. „Man kann vielleicht Spanisch oder Französisch sprechen und soll nun Italienisch lernen. Das geht natürlich einfacher, wenn man vorher schon eine romanische Sprache gelernt hat, anstatt eine völlig neue Sprache lernen zu müssen.“

So soll die Arbeit von Archivaren maßgeblich vereinfacht werden. Denn wo ein Archivar pro Bild eine Bearbeitungszeit von etwa 30 Minuten benötigt, können die künstlichen neuronalen Systeme sehr viel schneller arbeiten, sobald diese richtig eingestellt wurden. In knapp einer Stunde werden so über 2 000 Bilder analysiert und verschlagwortet.

„Diese neue Art der Archivierung ist sehr spannend“, meint Anne Weinfurtner abschließend. „Denn wenn wir die Arbeit von Archivaren entscheidend vereinfachen, können in Zukunft mehr Fotografien digitalisiert und in vielen wissenschaftlichen Bereichen genutzt werden.“


Technologie Campus Freyung
Grafenauer Str. 22
94078 Freyung
Tel.: 08551 917640
info.tc-freyung@th-deg.de

Ausbildung, Kunst, Regional, Technik

Veröffentlicht: 1. März 2019